Mit dem Pferd durch Kirgistan als alleinreisende Frau

Das ultimative Reitabenteuer: Als alleinreisende Frau 200 km mit dem Pferd durch Kirgistan [+Packliste, Kosten, Reisetipps]

Das ultimative Reitabenteuer:
Als alleinreisende Frau 200 km mit dem Pferd durch Kirgistan

Inklusive Kirgistan Packliste, Route, Kosten & Reisetipps

Gastbeitrag von Vanessa Burgardt

Immer im Rhythmus der Landschaft und ihrer Bewohner durch Kirgistan zu Pferd

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Einzigartige und wilde Landschaften. Endlose Weite. Die pure Besinnlichkeit. Auf meiner Reise zu Pferd durch Kirgistan wurde ich von einem Sog gefangen. Ich geriet in eine Art Resonanz mit meiner Umgebung und atmete tief durch.

Kirgistan sagt unser einer meist wenig. Vielleicht denkt einer an die ehemalige Sowjetrepublik, mit 5,7 Millionen Einwohnern im Herzen Zentralasiens. Der andere wiederum erinnert sich vielleicht an die Novelle „Djamila“ von Kirgistans berühmten Schriftsteller Tschingis Aitmatov.

Doch weshalb Kirgistan?

Die Idee Kirgistan zu bereisen entstand bereits im April 2015, auf dem Flug von Shanghai nach Frankfurt am Main, bei bester Sicht auf das Tian-Shan-Gebirge und den Issyk Kul-See. Die Sache mit der nächsten Reise war sofort klar. Mein Russisch wollte ich auch wieder reaktivieren, welches in Kirgistan unerlässlich ist.

Und ich liebe Pferde. Das Nationaltier der Kirgisen ist das Pferd. Sie sind ein Reitervolk, denn „die Flügel eines Kirgisen sind sein Pferd“, so lautet ein altes kirgisisches Sprichwort. Hier kann man überall, so oft und so lange wie möglich seine Zeit auf dem Pferd verbringen. Für eine Reiterin und Pferdeliebhaberin wie mich, der perfekte Ort auf der Erde. Gesagt, getan.

Wer sollte ab dieser Stelle nicht mehr weiterlesen:

  • Reisende, die auf westliche Standards, insbesondere bei sanitären Einrichtungen, achten.
  • Reisende, die nicht auf WLAN und Internet verzichten können.
  • Reisende mit übersensiblen Mägen.

Für Vegetarier wie mich, findet sich selbst bei den fleischverrückten Kirgisen eine gutschmeckende und sättigende Alternative. Sie können entspannt weiterlesen. Genauso jene, deren Neugier auf Fremdes und jene deren Abenteuerlust entfacht ist.

Auf den vier Hengsten Rembrandt, Hormon, Kara Kashgar und einem Pferd ohne Namen ritt ich knapp 200 Kilometer durch Kirgistan. Ich überquerte steile Gebirgszüge bis zu 3500 Meter über dem Meeresspiegel und ich ritt durch reißende Flüsse und trockene Steppenlandschaften.

Ich war fast den ganzen Tag auf dem Pferd unterwegs – bei Wind und Wetter, bei Kälte, Hitze und Trockenheit, nur vom Regen blieb ich verschont. Der kam immer pünktlich nachts. Zur Herausforderung wurde immer wieder der Weg.

Um möglichst viel von der Vielfalt Kirgistans erleben zu können, startete ich meine Reise im Nordwesten Kirgistan, um mich dann durch das zentrale Kirgistan in Richtung Osten zum Issyk Kul und zum Schluss zur kirgisischen Hauptstadt Bischkek vorzuarbeiten. Zuvor besuchte ich für eine Woche den sowjetischen Orient in Usbekistan.

Los ging‘s in Osch!

Bevor es aufs Pferd ging, machte ich Halt im Südosten Kirgistans, in Osch. Am Grenzübergang Dostuk warteten meine Weggefährten für die nächsten drei Wochen auf mich: Marat mein Guide, welcher jede Ecke Kirgistans blind kennt, Illias, dank ihm konnte ich mit Marat und den Kirgisen gut kommunizieren sowie Stas, ein guter und zuverlässiger Fahrer.

Etwas zögerlich begrüßten sie mich am kirgisischen Grenzhäuschen. Wahrscheinlich wussten sie, dass man nach der Ausreise aus Usbekistan sehr gestresst ist. Marat erkundigte sich nach meiner Familie. Das war das erste Fettnäpfchen. Ich schüttelte mit dem Kopf, ich habe keine Familie. Wann hast du geheiratet, fragte er mich weiter.

Das zweite Fettnäpfchen folgte zu gleich. Ich schüttelte erneut den Kopf. Hoffentlich werde ich jetzt unterwegs nicht geraubt. Der Brautraub ist in einigen Teilen Kirgistans noch immer Tradition.

Illias fragte mich, ob alle Deutschen verrückt sind. Ich schaute ihn verwirrt an. Wieso? Er erzählte mir, dass er letztes Jahr zwei Deutsche, die mit dem Fahrrad das gebirgige Land erkundeten, begleitete. Aber so lange saß noch kein Tourist in Kirgistan auf dem Pferd, wie ich. Da waren wir auch gleich beim Thema. Ich fühlte mich geschmeichelt.

Auf dem Basar in Osch zeigte mir Marat die kirgisischen Sättel und das dazugehörige Zaumzeug.

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Ganz cool erläuterte er mir die Funktionsweise der Kamtschy, die Reitpeitsche. Als ich die Sättel sah, dachte ich an meine Tube Hirschtalg, welche meinen Knien und meinem Hintern dann sicher etwas Komfort bieten wird.

Der Basar in Osch machte die zweitgrößte Stadt Kirgistans, mit circa 250 000 Einwohnern, einst bis heute hin bekannt. Es ist eine eigene kleine Stadt in der Stadt. Ein unendliches Gewirr von Gassen und Sackgassen, in denen es alles zu kaufen gibt, von Fleisch, getrockneten Tomaten, Küken, Eisenwaren, Möbeln und Thermo-Strumpfhosen. Sogar Schmiedewerkstätten und Reitzubehör gibt es dort.

Der Suleiman-Too

Nachdem wir alle auf dem Basar für die nächsten vier Tage Vorräte eingekauft hatten, fuhr uns Stas zum 1110 Meter hohen „Thron des Salomon“. Er diente zu Zeiten der Seidenstraße als Orientierungspunkt für Reisende. Heute ist der Berg ein beliebtes Pilger- und Ausflugsziel und hat für die Kirgisen spirituelle Bedeutung. Er gehört seit 2009 sogar zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Von hier hat man einen guten Blick über die Stadt Osch und das usbekisch-kirgisische Grenzgebiet im Ferghana-Tal. Doch von hier oben blickt man auch noch vereinzelt auf ausgebrannte Häuser und Häuserzeilen, die von den Ereignissen zeugen, für die Osch bis heute zum Symbol der usbekisch-kirgisischen Feindseligkeit geworden ist: das Pogrom vom Juni 2010, bei dem mindestens 2000 Menschen starben und mehrere Tausend Menschen verletzt wurden. Wir standen ganz still hier oben.

Alle waren sehr still hier oben. Ich überlegte sehr lange, ob ich Marat und Illias nach den Ereignissen fragen sollte. In ihren Gesichtern sah ich unterdes den Schmerz und die Beklommenheit. Ich entschied mich zu warten und sie nicht zu fragen.

Auf dem Rücken von Rembrandt unterwegs zur „gelben Schüssel“

Am nächsten Tag ging es sehr früh in Osch los. Wir fuhren in den Nordwesten Kirgistans, 300 Kilometer und immer wieder querten Fettschwanzschafe unseren Weg und sorgten für Staus. Doch Stas hatte eine sehr spezielle Huptechnik entwickelt, die einen Stau durch Fettschwanzschafe immerhin in Stop-and-go-Verkehr verwandelte.

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Auf der Fahrt entlang der usbekisch-kirgisischen Grenze, die uns vorbei an den Walnusswäldern von Arslanbob führte, berichteten mir Marat und Iliias über die angespannten und teils verhassten Beziehungen von Usbekistan und Kirgistan.

Für uns ist das sehr schwer zu verstehen, da kaum europäische Medien über den Konflikt berichten. Doch je weiter nördlich und vor allem östlich man in Kirgistan kommt, umso mehr wird dieses Thema zu einer unwichtigen Tatsache.

Nach einer kurzen und schlaflosen Nacht im verschlafenen und malerischen Dorf Kara Suu, ging es los. Ich traf auf Rembrandt, mein Pferd für die nächsten vier Tage. Eigentlich hatte das Pferd keinen Namen. Doch wie kam ich plötzlich auf Rembrandt?

Viele assoziieren Rembrandt mit dem berühmten Maler. Reiter denken eher an das berühmte Dressurpferd von Nicole Uphoff. Dieser piaffierte einst elegant durch die Dressurvierecke der Welt, wie mich mein kirgisischer Rembrandt elegant und zuverlässig durch das Sary-Tschelek-Biosphärenreservat trug.

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Am Kara Suu-See, einen türkisfarbenen Gletschersee auf 1800 Meter Höhe, schlugen Marat, Iliias und ich erstmals unsere Zelte auf. Wir beobachteten den wunderbaren und klaren Sternenhimmel, tranken klares Bergsee-Wasser und hielten nach Steinböcken Ausschau, bis wir schließlich einschliefen.

Am nächsten Tag folgte der anstrengendste Teil dieser Route: Die Überquerung des Kotormo-Passes auf 2446 Meter Höhe. Zuerst ging es steil bergauf, über Stock und Stein, rechts der Abgrund und links schroffe Felsen – für Rembrandt kein Problem.

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Er kennt den Weg. Für mich wurde dieser Abschnitt dagegen immer wieder zu einem Balanceakt. Als Belohnung für den mühsamen Aufstieg eröffnete sich mir auf dem Pass dann ein wunderschöner und weiter Blick über das Sary-Tschelek-Tal, die Tschatkal-Berge und die weiteren Seen im Biosphärenreservat, wie zum Beispiel den Iri-Kol-See.

Hier übernachteten wir erneut. Wir waren die einzigen, die sich zusammen mit Fuchs und Hase hier Gute Nacht sagten. Hier gibt es nichts, nicht mal Handy-Empfang für kirgisische Handys. Von diesem Ort konnte ich nicht genug bekommen. Überall duftete und blühte es. Ich inhalierte förmlich die komplette Umgebung, wie in einem Rauschzustand. Ich fühlte mich wie in einer Freiluft-Kräuter-Sauna.

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Sary-Tschelek bedeutet deshalb wahrscheinlich „gelbe Schüssel“. Ich vermute, die Bezeichnung stammt von dem Blütenmeer der einzigartig duftenden Wiesen, die die Seen umgeben. Während Marat versuchte Fische mit der Hand im Irikol See zu fangen, unterhielte ich mich mit Illias über seine beruflichen Pläne und über das Studium. Illias studiert Informatik in Bischkek. In den Sommermonaten arbeitet er für die Touristen, um sein Englisch zu verbessern. Er liebt sein Land.

Am letzten Tag ging es nach Marats Worten nur noch um die Ecke. Ok. Wie kommen wir jetzt an die gegenüberliegende Seite des Kodscha-Ata-Flusses? Auf Rembrandt war eigentlich Platz für 2. Und schon hatte ich Illias hinter mir. Marat kletterte derweil auf unser Packpferd. Hoch konzentriert tasteten wir uns durch den reißenden Strom. Auf der anderen Seite wartete Stas mit dem Proviant für unsere hungrigen Mägen.

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Mittagessen gab es dann vor der wunderschönen Kulisse des Sary-Tschelek-Sees.

Die Suusamyr-Ebene – ein Meer aus samtgrünen Hügeln im Herzen Kirgistans

Rembrandt tritt die Heimreise mit seinem Besitzer an, welchen wir im Örtchen Arkit verabschiedeten. Unsere Karawane zog weiter. Wir fuhren westwärts über die Suusamyr-Ebene und über den Kyrk-Kys-Pass auf 3223 Metern. Hier grüßte ich Manas, den kirgisischen Volkshelden, bevor es ins Dorf Kyzyl Oi auf 1800 Metern ging.

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Vom Dorf aus eröffnete sich mir ein Blick auf nach oben weite, rot gefärbte Berge. Kyzyl bedeutet auf Kirgisisch „rot“. Kyzyl Oi ist ein typisch kirgisisches Dorf. Die Häuser sind klein und meistens aus rotem Lehm. Neben den Hühnerställen stehen die Plumsklos. Internet gibt es nicht. Fließend warmes Wasser gibt es auch nicht. Strom gibt es, aber nicht immer.

Was es in jedem Dorf gibt: eine Moschee, eine Schule, einen Sportplatz, der hier von Kühen belagert ist, und einen Dorfladen. Die älteren Kirgisen sitzen auf der Straße vor ihren Häusern und spielen ein eine Art Domino mit Schaftsknochen. Junge Leute trifft man hier kaum. Neu sind die chinesischen Strommasten. Wir übernachteten bei Freunden von Stas. Sie sind Lehrer hier in der Schule. Sie sind Lehrer aus Leidenschaft. Obwohl kaum einer der jungen Leute im Dorf bleibt, wollen Sie bleiben und für den Erhalt ihres Dorfes kämpfen.

Jurten, Jailoos und Stutenmilch

Nach dem Zwischenstopp in Kyzyl Oi fuhren wir weiter über die bunte Suusamyr-Ebene zum Kyzart-Pass. An der Passstraße standen einsam zwei Pferde. Wir hielten an. Marat wies mir das rechte Pferd zu. Diesmal hatte es einen Namen. So begrüßte ich mein Pferd Hormon, das mich zum Son Kul tragen sollte. Marat und ich sattelten die Pferde und saßen auf. Stas und Illias werde ich erst in vier Tagen am Son Kul wieder treffen.

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Unsere erste gemeinsame Herausforderung war die Überquerung des Chaar-Archa-Passes auf 3061 Meter Höhe, um in das Chaar-Archa-Tal zu gelangen. Von dort aus hat man einen wundervollen Blick auf die umliegenden 4400 Meter hohen Baba-Ata-Berge. Doch mit Hormon klappte die Verständigung am Anfang nicht.

Während Marat bereits die Straße überquerte und zum Pass unterwegs war, ging Hormon einfach nicht vorwärts. Es half kein sanftes schnalzen, kein lautes „Tschuu“, vorwärts auf Kirgisisch. Lediglich ein kräftiger Klaps mit der Kamtschy sorgte dafür, um ihn wenigstens über die Straße zu bekommen. Ich dachte mir, dass müssen wir unbedingt üben. An der Seite von Marat ging es dann in Richtung Kilemche Jailoo. Marat freute sich schon auf das Wiedersehen. Er ist ein guter Freund der Familie, welche die Pferde zum Kyzart Pass schickten.

Die Jailoos im Hochland sind die Sommerweiden der Nomadenfamilien, und das Gebiet um den Son Kul ist quasi das Weidejuwel auf 3016 Meter Höhe, umgeben von gewaltigen Gebirgszügen. Der Son Kul ist ein einzigartiger Ort: Wahrscheinlich kann man nirgendwo sonst Pferdeherden in ihrer natürlichen Umgebung beobachten und ihr Verhalten studieren. Das hat für Reiter einen unbezahlbaren Wert.

Auf dem Kilemche Jailoo begrüßte mich ganz aufgeregt Bibichan. Eine junge Kirgisin, die mit ihrer Familie den Sommer auf den Jailoos verbringt und vor einem halben Jahr Mutter geworden ist. Sie ist meine Gastgeberin. Bibichan zeigte mir stolz ihren Haushalt und ihre Tiere, sowie die Jurte in der Marat und ich übernachten werden, meine erste Nacht in einer Jurte.

Das Nomadenleben in den Jurten und Jailoos ist gut organisiert. Links sitzen die Frauen, rechts die Männer. Alles hat seinen Platz, und die klare Aufgabenverteilung zwischen der Schwiegertochter, der Schwiegermutter, dem ältesten Sohn und den verbleibenden Familienmitgliedern hilft den Nomaden, ihren Alltag zu bewältigen. Das Leben auf dem Jailoo ist vergleichbar mit dem Leben in einer WG bei uns.

Es herrscht eine angenehme Hektik, ein ständiges Kommen und Gehen. Bibichan war angespannt. Ich fragte Sie, ob ich ihr helfen kann. Bibichan fragte mich stattdessen, ob ich krank sei, weil ich kein Fleisch esse. Ich konnte ihr die Angst nehmen und erklärte ihr, dass ich gesund und fit bin, aber einfach kein Fleisch mag. Zum Abendessen gab es gedämpfte Teigtaschen mit einer Art Lauch als Füllung, Brot, für mich vegetarischen Lagman (sonst Nudelsuppe mit Gemüse und Schaffleisch) und Borsok (in Fett gebackener Teig).

Als Nachtisch wurden Unmengen an Süßigkeiten gereicht. Während des Essens plauderte man munter an dem niedrigen Tisch in der Mitte der Jurte über die Tiere, die deutschen Autos und lachte dabei viel. Doch so richtig wollten sich die Herren nicht mit mir unterhalten. Stattdessen unterhielt ich mich mit der Schwiegermutter. Sie schwärmte von Bibichans haushälterischen Fähigkeiten und erzählte mir die Lovestory anhand eines Fotoalbums. Ganze 300 Leute kamen zur Hochzeit, normale kirgisische Verhältnisse. Geraubt wurde sie nicht.

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Die Schwiegermutter reicht mir frischen Kumis – vergorene Stutenmilch, typisch für Kirgistan. Es ist eine Milch mit kleinen schwarzen Punkten. Zuerst prickelt sie säuerlich auf der Zunge, danach kommt ein leicht süßlicher Geschmack und übrig bleibt eine rauchige Note in meinem Mund.

Wir heizten die Jurte mit Kuhmist. Wir tranken Vodka. Wir schliefen ein.

Nach dem Frühstück mit wunderbaren Blinchiki (eine Art Crêpe), Kumis und schwarzem Tee verabschiedeten Marat und ich uns von Bibichan und ihrer Familie. Dann ging es hinauf zum Jalgyz-Karachi-Pass auf 3400 Meter Höhe.

Auf dem Weg zum Son Kul – zwischen Himmel und Sattel

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Vom Pass aus genoss ich einen wundervollen letzten Blick auf das Kilemche Jailoo und erhaschte bei guter Sicht sogar schon einen ersten Blick auf den noch in weiter Ferne liegenden Son Kul. Kilemche bedeutet so viel wie „Teppich“ und meint den unendlichen, grünen, gebirgigen Grasteppich. Große Herden von Schafen, Kühen und halbwilden Pferden, die auf dem grünen Teppich weideten, kreuzten immer wieder meinen Weg.

Aus der Ferne wirkten ihre Bewegungen wie ein harmonischer Tanz auf mich. Ich wurde immer entspannter. Marat wurde immer schneller. Er hatte Hunger. Kurz vor dem Ziel stärkten wir uns im Jurtencamp Jaman Echki, nahe des Son-Kul-Sees.

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Nach einem vegetarischen Plov (Reis mit Gemüse) meldete sich jedoch nicht das Sättigungsgefühl, sondern das Freiheitsgefühl in mir. Es wollte raus. Darauf hatte ich gewartet: sich treiben lassen und an nichts denken.

Ein Blick in Hormons Augen und auf seine Ohren reichte aus. Wir wussten, was wir jetzt wollten. Es war der Zeitpunkt gekommen, sich fallen und loszulassen. Marat nahm meinen Rucksack. Ich stieg auf, und Hormon wartete auf Signale. Wir kamen in den Galopp, ruhig und kontrolliert. Wir galoppierten entlang der östlichen Seeseite, vorbei an Schaf-, Kuh- und Pferdeherden. Meine Gefühle hatten freie Bahn.

Ich hatte Gänsehaut und weinte vor Freude. Ich genoss jede Sekunde dieses Ritts. Voll beladen mit Glücks- und Freiheitshormonen erreichten wir schließlich das Jurtencamp Batai Aral am Son Kul. Dort ist die Freiheit grenzenlos, und ich dachte an Reinhard Meys „Über den Wolken“.

Wind Nord/Ost, der letzte Pass ist vorüber,
Bis hier hörʼ ich schon die Hufe.
Wie Pfeile ziehen sie an mir vorbei,
Und es dröhnt in meinen Ohren.
Als dann der Steppenboden bebt,
Heben wir fast ab und schweben
dem Son Kul und der Sonne entgegen.

Am Son Kul scheint die Freiheit tatsächlich unfassbar grenzenlos zu sein.
Alle Ängste, alle Sorgen
Bleiben dort ganz sicher verborgen und dann
Erscheint das, was UNS groß UND wichtig erscheint,
Plötzlich nichtig und klein.

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Kochkor – Bokonbajevo – Karakol – Tscholponata – einmal um den Issyk Kul

Der Abschied vom Son Kul, von Marat und von Hormon fällt mir sehr schwer. Doch es geht weiter, hinab ins Tal zur Stadt Kochkor und entlang des Tschui-Flusses zum Orto-Tokio-Reservat. So befinde ich mich plötzlich inmitten einer Wüstenlandschaft wieder, und in der Ferne ziehen Kamele vorbei. Auch das ist Kirgistan.

Wir fuhren weiter zum Ort Bokonbajevo, an der südlichen Seite des Issyk-Kul-Sees, dem kirgisischen Meer. Er gilt als der zweitgrößte Bergsee der Welt, nach dem Titicacasee in Südamerika. Was beide gemeinsam haben, abrupte Wetterumschwünge und wunderschöne Wolkenformationen. Nach einer Nacht im Dorf mit Jurten am Meer, ging es immer weiter ostwärts, entlang am Ufer des Issyk-Kul.

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Als nächstes hielten wir in Karakol, die größte Stadt am Issyk Kul. Hier gibt es zwei interessante Orte: die russisch-orthodoxe Kirche und die Dunganen-Moschee. Diese wurde zwischen 1907 und 1910 für die örtlichen Dunganen im Stil der Tsin-Dynastie und vollständig ohne metallene Nägel errichtet. Mit einen Gewand, was für mich eher russisch wirkte, durfte ich rein. So ganz passt diese Moschee nicht hierher. Sie ist ein Zeugnis vergangener Geschichte und heute ein Ort, um den Islam zu praktizieren.

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Etwas außerhalb der Stadt in Richtung Tscholponata liegt das informative Przewalski-Museum. Es wurde zu Ehren des in Karakol verstorbenen Offiziers Nikolai Przewalski, ein russischer Expeditionsreisender, der auf einer seiner Reisen durch Zentralasien und die Mongolei eine Formation des Wildpferdes entdeckte, gebaut. Es war das einzige Museum das ich in Kirgistan besuchte.

Es war das schönste Museum was ich bisher überhaupt besucht habe. Wer Weltkarten und Geschichten über abenteuerliche Expeditionen und Forschungsreisen liebt, sollte auf seiner Reise durch Kirgistan oder gar Zentralasien, unbedingt hier gewesen sein. Die Geschichten des Oberst Przewalski sind ganz liebevoll und informativ aufbereitet.

Schwitzen mit Kirgisinnen in Tschong-Kemin

Am Ende der Issyk-Kul-Umrundung erreichten Stas, Iliias und ich gegen Abend den Ort Balyktschy. Er ist entweder der erste oder der letzte Ort, dem man am Issyk Kul erreicht. Dort wechselte ich ein letztes Mal vom Auto aufs Pferd und überquerte mit Illias den Kalmak-Ashuu-Pass.

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Von dort hat man einen wundervollen Blick über das Tschong-Kemin-Tal („große Ebene“) und den Issyk-Kul-See. Das letzte Ziel war das Dorf Karool-Dobo. Im Dorf kam ich in den Genuss einer typischen kirgisischen Banja (Sauna). Die meisten kirgisischen Wohnhäuser oder Höfe auf dem Land verfügen über kein eigenes Bad. Einige größere Höfe haben in einem Nebengebäude deshalb ein Badehaus eingerichtet.

Hier wird mit Holz oder Kuhmist Wasser zum Waschen in einem großen Kessel erhitzt, um sich dann in geselliger Runde ein Schwitzbad zu gönnen und alles Wichtige und Neue im Dorf zu besprechen. Ich schwitze also in der Mitte einer Gruppe von Kirgisinnen und dachte nur: Internet und Facebook brauchen Sie hier wirklich nicht.

Hier im Dorf ist die Landwirtschaf auch kaum mechanisiert. Das Pferd spielt eine zentrale Rolle. Die Kinder zogen mich aufs Kartoffelfeld, legten mir die Zügel um den Nacken und gaben mir den Pflug in die Hand. Eine Reihe hielt ich durch. Sie grinsten.

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Spannend war es außerdem, zu erleben, wie eine kirgisische Familie den Ramadan begeht: Gegessen wird vor dem Sonnenaufgang und nach dem Sonnenuntergang, hauptsächlich süße Gerichte, aber geschlechtlich getrennt. Das liegt daran, dass sich der Ramadan dem Ende zuneigt. Hier feiern die Kirgisen dann das Zuckerfest, doch nicht alle Kirgisen. Sie praktizieren meistens einen sehr gemäßigten Islam. Frauen tragen zwar Kopftücher, aber das hat eher einen praktischen Nutzen.

Bischkek

Von Tschong-Kemin ist es nicht mehr weit nach Bischkek, die Hauptstadt Kirgistans. Sie hieß zu Sowjetzeiten Frunse, benannt nach dem russischen Offizier Michail Frunse, der hier 1885 geboren wurde. In der Stadt herrscht ein reges Treiben. An vielen Ecken wird gebaut und erneuert, weil einige Wochen später die Bundeskanzlerin Merkel zu Gast in Kirgistan sein wird, verriet mir Iliias ganz stolz.

Doch begegnet man überall auch dem Verfall sowjetischer Bauten und Wohnblöcke. Bischkek entsprach deshalb ganz meinen Vorstellungen von einer sowjetischen Stadt. Hier begegnete ich Marx, Engels und Lenin ohne Mütze, direkt gegenüber der amerikanischen Universität mit Hammer und Sichel als Tympanon im Giebeldreieck. Das ist Illias Universität.

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Der Alatoo-Platz, der Hauptplatz der Hauptstadt, ist geschmückt mit Werbung für die „World Nomade Games“, dem Ereignis für Kirgistan im September in diesem Jahr. Hier werden sich Marat und Iliias wiedersehen. Iliias war ganz Stolz, dass die Regierung ein zweites Mal die Nomadenspiele ausrichtet. Es kommt sogar eine Delegation aus Europa, die Ungaren. Den Alatoo-Platz quert der Čuj-Prospekt. Unweit von dort hat die Statue des Schriftstellers Tschingis Aitmatov seinen Platz gefunden. Bischkek ist eine sehr grüne Stadt mit vielen und für Zentralasien typischen gepflegten Parkanlagen und Wäldern.

Ein Denkmal im Zentrum Bischkeks hat mich tief beeindruckt – das Revolutionsdenkmal. Es erinnert an die Toten der Revolutionen von 2002 und 2010. Das Motiv ist klar in seiner Aussage: Abspaltung des Schlechten (schwarz) vom größeren Guten (weiß) durch Revolution. Was genau mich daran so fasziniert hat, ist schwer auszudrücken: Wahrscheinlich ist es die einfache Darstellung des Gegensatzes von Gut und Böse. Illias konnte wenig damit anfangen. Er traut der Regierung nicht. Er hofft nach dem Studium ein Visum für die USA zu bekommen.

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Am Flughafen Manas ist es dann so weit. Der Abschied von Stas und Iliias fällt mir schwer. Wehmut liegt in der Luft. Ich weiß, dass mich diese Reise noch lange beschäftigen wird, auf die ich nun zurückblicke.

Aus unserer Sicht sind die Kirgisen arm, denn ihr Bruttoinlandsprodukt liegt an 148. Stelle von 186. Irgendwo zwischen Pakistan und der Elfenbeinküste. Doch es gibt keine Bettler, Elend-Siedlungen und Obdachlose. Was die Kirgisen so reich macht sind ihre Traditionen, ihre Verbundenheit mit der Natur und ihr Zusammenleben in der Großfamilie, egal ob in der Jurte auf den Jailoos oder in den Dörfern und Städten. Ihr großes und offenes Herz macht sie liebenswürdig. Die Korruption ist eine kleine alltägliche Last, mit der man lebt.

Kirgistan ist ein Land das dem Rhythmus der Nomaden folgt. Dieser Rhythmus ist hart und kompromisslos. Doch es ist ein Land in der die Natur noch Natur sein darf. Wild und unberührt. Kirgistan ist ein Land, dass man am besten mit dem Pferd erkundet, weil sie fast überall hinkommen und man die meisten Kirgisen hoch zu Ross trifft. Man plauscht mit ihnen und reitet zusammen ein Stückchen. Dafür sind eine sportliche Grundeinstellung und vielleicht noch eine Tube Hirschtalg erforderlich sowie die bedingungslose Offenheit sich als Gast zu Hause in Kirgistan zu fühlen.

Ich habe die Kirgisen und ihr Land tief in mein Herz geschlossen. „Ich sage Lebewohl zu den Tian-Shan-Bergen und zum Issyk-Kul. Wie sehr wünschte ich, ich könnte dich mitnehmen.“ (Tschiingis Aitmatov).

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Auf Wiedersehen in Kirgistan! Ganz bestimmt! Salamatta kalynyz! Tschong rachmat! 

Kirgistan Pferdetrekking Route

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  • Start: Grenzübertritt „Dostuk“ von Usbekistan nach Kirgistan, Aufenthalt in Osch (mehr zu meiner Reise durch Usbekistan: hier)
  • 2. Tag Fahrtag Osch – Kara Suu (300 km)
  • 3. – 6. Tag Sary-Tschelek-Biospherennreservat: Kara Suu – Arkit (55 km per Pferd, 1 Pass auf 2800 m) mein persönliches Highlight
  • 7. Tag Fahrtag Arkit – Kyzyl Oi (200 km)
  • 8. – 11. Tag Kyzyl Oi – Kyzart Pass (100 km per Auto), Kyzart Pass – Kilemche Jailoo – Jurtencamp am Son Kul (40 km per Pferd, davon 2 Pässe auf 3000 und 3500 m) ein muss auf jeder Reise durch Kirgistan, mein persönliches Highlight
  • 12. Tag Fahrtag vom Jurten Camp am Son Kul zum Jurtencamp Bokonbajevo am Issyk Kul (100 km)
  • 13. Tag Reitausflug bei Bokonbajevo (25 km)
  • 14. – 16. Bokonbajevo – Karakol – Cholpon Ata – Balyktschy (200 km per Auto mit Stopps)
  • 17. – 20. Tag Balyktschy – Tschong Kemin (60 km per Pferd, 1 Pass auf 4000 m)
  • 21. – 22. Tag Fahrt nach Bischkek, Ziel: Bischkek
  • 23. Tag Abreise

Sicherheit: Ist Kirgistan sicher als alleinreisende Frau?

Als alleinreisende Frau hatte ich Anfangs schon ein leicht unsicheres Gefühl, vor allem wegen dem Mythos des Brautraubes. Dieser gilt aber nicht für ausländische Touristinnen. Dennoch solltest du dir bewusst sein, dass diese Reiseform für Kirgisen fremd ist und sie nach den Umständen fragen. Hier hilft dir eine plausible und glaubhafte Geschichte.

Wenn du durch Kirgistan reist, solltest du wie bei dir zu Hause auch, auf deine Sachen achten und das mitführen von Wertgegenständen im Vorfeld abwägen. Ich fühlte mich sicher und niemals bedroht in Kirgistan, auch nicht auf dem berüchtigten Osch-Basar in Bischkek.

Kirgistan Kosten

  • Anreise: z. B. Hin- und Rückflug ab Leipzig/Halle bis Bishkek mit Turkish Airlines via Istanbul, bei zeitiger Buchungung, zwischen 400 und 600 EUR
  • Verpflegung pro Tag: ca. 10 bis max. 15 EUR für den ganzen Tag. Als Vegetarierin, ist das Essen sogar noch günstiger. Da die Verpflegung meistens im Tourpreis inbegriffen ist und sehr oft der Vollverpflegung entspricht, fallen hierfür deshalb kaum Kosten an.
    Tipp: Kauft in den größeren Orten ein, die auf der Route liegen. Das gilt für hauptsächlich für Trinkwasser. Da auf den Touren meistens ein Fahrer und Packpferd auf den Touren dabei ist, stellt der Transport kein Problem dar.
  • Guide pro Tag 1200 SOM bzw. 15 EUR
  • Pferd mieten pro Tag 800 SOM bzw. 10 EUR

Packliste Kirgistan: Was du auf deiner Reise durch Kirgistan unbedingt einpacken solltest

Die meisten Touristen unternehmen Trekkingreisen mit Camping oder Jurtenübernachtungen in Kirgistan. Eine entsprechende Outdoorausrüstung ist demnach empfehlenswert. Die zur Verfügung gestellten Zelte und Ausrüstungsgegenstände sind von einfachem Standard. In den Jurten schläft man auf dem Boden, wie auch in vielen Gästehäusern. Dabei hat man zwar eine leichte Decke als Matratze, aber auf die Dauer schläft es sich auf einer komfortablen Isomatte entspannter. Die sollte deshalb nicht vergessen werden.

In den Jurten und Wohnhäusern ist es Pflicht seine Schuhe vor der Haustür auszuziehen. Die Böden in den Häusern sind allerdings sehr kalt. Aus diesem Grund empfehle ich unbedingt Hausschuhe bzw. dicke Socken und Gartenclocks mitzunehmen. Letztere kann man in Bischkek oder Osch auch auf dem Basar erwerben. Gartenclocks sind super, wenn man kurz raus und dann wieder rein geht, zumal die Waschgelegenheiten selten im Wohnhaus integriert sind.

Infos, Bilder über und Dinge aus deiner Heimat bzw. über Deutschland. Kirgisen interessieren sich für alles aus Europa und Deutschland. Die kleinen Kirgisen freuen sich über Stifte, Sticker und Malbücher.
Für Reiterinnen und Reiter – oder die es in Kirgistan probieren möchten:

  • Hirschtalg (verhindert Wundreiben)
  • robuste Hose/Reithose
  • robuste Schuhe/Reitschuhe
  • Chaps/Stiefelschäfte für die Waden.
  • Reitkappe und Reithandschuhe

Reitausrüstung, wie ich Sie aufgeführt habe, ist für Kirgisen etwas exotisches. Ich empfehle daher Nichtreitern diese Sachen in Deutschland zu leihen oder günstige Modelle zu kaufen. Am Ende freuen sich die Kirgisen auch über diese Dinge.

Wie du am Besten durch Kirgistan reist

Meine Reise durch Kirgistan organisierte ich mit CBT Kyrgyzstan, dem zentralen Netzwerk lokaler Guides, Fahrer und Gasthäuser in Kirgistan. Das Netzwerk bietet Touren für verschiedene Interessen in alle sieben Regionen (Oblast) an. Der Preis ist verhandelbar.

Die Idee hinter dieser Art zu reisen ist die Förderung des gemeinschaftlich und lokal selbst organisierten Tourismus, der es ermöglicht, in engen Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung zu kommen und deren Leben, Kultur und Umwelt authentisch zu erleben. Auf diese Weise unterstützt man zudem nachhaltig und sinnvoll die lokale Wirtschaft.

Hast du noch Tipps oder Fragen zu Kirgistan?

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Disclaimer: Fotos von Vanessa Burgardt
Vanessa Burgardt

Vanessa Burgardt

Beruflich als Organisationsberaterin unterwegs, mit Basis in Leipzig. Passionierte Reiterin, die Techno liebt und reisesüchtig ist.
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Vanessa Burgardt