Israel Sehenswürdigkeiten entlang der Road 90

Israel Sehenswürdigkeiten: 7 Highlights auf der Road 90, die Du nicht verpassen solltest

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Gastartikel: Nicola Albrecht – Autorin des Buches „Mein Israel und ich. Entlang der Road 90

Auf der Road 90 durch den Hinterhof des Heiligen Landes

Road 90 Israel

Die Road 90 ist mit ihren 480 Kilometern nicht nur die längste Straße Israels, sondern auch die Lebensader des Landes. Die Landschaft ist atemberaubend und abwechslungsreich, und die Lebenswelten der Menschen ändern sich ständig. Wenn Du dich darauf einlässt, kannst du hier, im Hinterhof des Heiligen Landes, wohl am besten erfahren, worin die tiefe Verbundenheit der Menschen zu ihrer Heimat besteht.

Die Road 90 beginnt bei Metulla im Norden Israels, direkt an der Grenze zum Libanon, folgt dem Verlauf des Jordans und endet schließlich ganz im Süden am Roten Meer. Für einen Film sind mein Team und ich sie einmal der Länge nach abgefahren. Etliche weitere Reisen – privat wie dienstlich – führten mich immer wieder an einzelne Orte entlang der Strecke.

Einige von ihnen, wie der Kibbuz Ein Gedi am Toten Meer und die Festung von Masada, sind auch hierzulande bekannt, andere weniger, wie Bardala im palästinensischen Jordantal oder der Kibbuz Ktora in der Wüste Arava im Süden des Landes.

Aber es sind gar nicht nur die wunderschönen Orte, die mich immer wieder auf die 90 gezogen haben, sondern vor allem die Menschen, von denen ich stets willkommen geheißen wurde, mal mit „Shalom“, dann wieder mit „Salam“.  

Avis Restaurant „irgendwo im nirgendwo“

Shalom, was machst du da?“, schallt es aus der Apfelplantage. „Ich bin auf der Road 90 unterwegs, möchte sie einmal ganz abfahren, und hier fängt sie doch an, oder?“, antworte ich. So lerne ich Avraham Rosenfeld kennen, oder Avi, wie er sich nennt. Seine Plantage liegt unmittelbar an der Sperranlage, die Israels Grenze zum Libanon sichert. Fünf Meter hohe Betonwände und Stacheldraht begrenzen das Areal und markieren zugleich den Beginn der Road 90.

Auch an diesem Tag liegt Anspannung in der Luft. Die libanesische Hisbollah-Miliz hat kurz zuvor eine israelische Drohne abgeschossen. Avi schaut trotzdem täglich nach der Apfelplantage seiner Familie, ganz egal wie die Sicherheitslage gerade ist. Gemeinsam schlendern wir über die Plantage. Die hügelige Landschaft ist malerisch und von zahlreichen Wanderwegen durchzogen. Etwas abseits der 90 liegen mehrere Naturschutzgebiete, wie das „Iyon Stream Nature Reserve“ mit seinen beeindruckenden Wasserfällen. Dort kannst Du herrlich die Natur genießen. 

Irgendwo im Nirgendwo

Avi führt in der Nähe von Metulla ein kleines Restaurant. Es liege „irgendwo im Nirgendwo“, scherzt Avi. Und tatsächlich ist das Lokal nicht ohne weiteres zu finden, es versteckt sich inmitten von Apfelbäumen und Hügeln. Ein Hinweisschild und feste Öffnungszeiten gibt es nicht. Nicht einmal eine Speisekarte hat Avi. Wer bei ihm essen möchte, ruft einfach vorher an, und Avi entscheidet spontan, ob er Lust hat zu kochen. An diesem Abend erwartet er Gäste, und auch ich darf zum Essen bleiben. Das Kochen hat er sich selbst beigebracht – mit Leidenschaft und viel Rotwein. Es gibt immer ein Gericht für alle.

Avi schwört dabei auf Produkte aus der Region: Fleisch natürlich, am liebsten von Rindern, die auf den saftigen Wiesen in Israels Norden gegrast haben, dazu ein paar Salate und Gemüse. Im Augenblick leben, Menschen verwöhnen, das macht Avi glücklich. „Knaipe“, abgeleitet vom deutschen Wort Kneipe, nennt er seinen Gastraum, denn in einer echten Kneipe sitze niemand allein. Und schon treffen die ersten Gäste ein: Amir, Nofar, Alon und die anderen. Acht Personen werden es insgesamt. Avis Steaks sind köstlich, jeder fühlt sich wohl, es ist tatsächlich wie in einer echten Kneipe. Gezahlt wird ein Festpreis.

Reich wird Avi auf diese Weise nicht, aber dafür genießt er auch zu später Stunde noch die Gesellschaft seiner Gäste und isst und trinkt mit ihnen. Anekdoten aus der „Knaipe“ machen die Runde. Wir stoßen an und sagen Le chaim“. Le chaim, das bedeutet: Aufs Leben.

Wenn Du dich auch von Avi kulinarisch verwöhnen lassen möchtest, kannst Du ihn unter folgender Telefonnummer erreichen: +972 54 218 5530. Seine „Knaipe“ befindet sich zwischen der Ha-Golan-Straße und der Ha-Duvdevan-Straße. In dieser Schreibweise weist mittlerweile auch Google Maps den Weg zu Avi.

Wie Limoncello im Kloster heimisch wurde  

Wenn Du zum See Genezareth auf der 90 fährst, musst Du unbedingt im Kloster Tabgha stoppen! Ich habe das öfter gemacht und mich mit Pater Jonas verabredet. Er ist einer von nur drei Mönchen, die gerade dort leben, arbeiten und beten. Und das ist manchmal eine ganz schöne Herausforderung. Denn an diesem Ort, der Stille am See verheißt, geht es oft ziemlich turbulent zu. Manchmal strömen hier an einem Tag mehr als 5000 Besucher durch: Die römisch-katholische Brotvermehrungskirche gilt gläubigen Christen als der Ort, an dem Jesus Christus bei der Speisung der Fünftausend eines seiner größten Wunder vollbrachte, indem er fünf Brotlaibe und zwei Fische vermehrte.

Für Begegnungen mit den einzelnen Pilgern bleibt Pater Jonas da kaum Zeit. Ich habe mehr Glück, mir zeigt er nicht nur seine Kirche, sondern auch seine Küche. Ich möchte mehr erfahren: Wie lebt es sich als Mönch in Tabgha? Wie geht man mit den politischen Spannungen in der Region um? Pater Jonas nimmt sich Zeit für meine Fragen. Wir setzen uns auf die Terrasse, er bringt ein Tablett mit Gläsern und Flaschen: „Bei der Hitze brauchen wir Wasser und Limoncello!“, ruft er mir zu. „Limoncello, Zitronenlikör aus Süditalien?“, will ich wissen. „Genau, italienischer Zitronenlikör und Cantuccini, italienisches Mandelgebäck. Aber wenn du lieber Salbeilikör trinken willst – den habe ich auch!“ Mit diesen Worten verschwindet noch einmal in der Küche und holt eine Flasche Salbeilikör. „In meinem ersten Leben war ich Konditor“, beginnt Jonas zu erzählen.

Der Salbeilikör ist süß und intensiv, genau wie er sein soll. „Jetzt bin ich alles drei: Konditor, Priester und Mönch. Und davon profitiert die Gemeinschaft.“ Mit etwas Glück hat der Souvenirshop von Tabgha ofenfrisches Gebäck von Pater Jonas im Angebot. Neben den süßen Cantuccini gibt es auch Salzcracker mit Rosmarin. Die frischen Zutaten wie Salbei, Zitronen und Rosmarin stammen natürlich aus dem Klostergarten. Auf der Internetseite der Benediktiner der Dormitio-Abtei findest Du viele Informationen, u. a. die aktuellen Öffnungszeiten des Klostergeländes, die Zeiten der Gottesdienste und Hinweise auf Übernachtungsmöglichkeiten.

Für Alleinreisende, Familien und auch Gruppen bietet sich das „Pilgerhaus Tabgha“ an. Es ist eine Einrichtung des Deutschen Vereins vom Heiligen Lande und liegt nur wenige Gehminuten vom Kloster und der Brotvermehrungskirche entfernt. Auch mit dem „Beit Noah“ und seiner Begegnungsstätte kannst Du natürlich Kontakt aufnehmen, wenn Du einen Gruppenaufenthalt planst: beit.noah@tabgha.net

Vom Kloster aus durch den schönen Garten hindurch führt übrigens ein kleiner Weg zu einer schönen Badestelle – also Schwimmzeug und Handtuch nicht vergessen!

Afikim – Tanzen im Speisesaal 

Überall an der Road 90 liegen verschieden Kibbuzim. Du kannst dort häufig ein Gastzimmer bekommen, einige Kibuzzim haben sich sogar darauf spezialisiert, Touristen zu empfangen. In der Nähe des Sees ist auch der älteste Kibbuz Israels, Degania. Dort kannst Du super übernachten. Wenn Du allerdings tanzen willst, check mal den Kibbuz Afikim. Er liegt nur ein paar Kilometer von Degania entfernt, dennoch halten Touristen dort viel seltener. Dabei findet hier einmal pro Woche eine Veranstaltung statt, an der auch jeder Gast teilnehmen darf. 

Als ich ankomme, sind die Tische im traditionellen Speisesaal schon weggeräumt. Es ist Zeit für Rikudei Amtraditionelle israelische Volkstänze. Getanzt wird in Israel gern und viel, und da die Tänze stets auch ein Ausdruck der gesellschaftlichen Entwicklungen waren (und es bis heute sind), entwickeln sie sich ständig weiter: Es gibt eine Fülle an Melodien, Tanzformen, Rhythmen und Schwierigkeitsgraden mit festen Schrittfolgen, deren Choreografen in den meisten Fällen bekannt sind. Häufig basieren sie auf Psalmentexten oder Gebeten, sind aber keine religiösen Tänze im eigentlichen Sinne.

In Israel geht die Tanzbegeisterung übrigens quer durch alle Generationen und ist nicht auf die Kibbuzim beschränkt: Getanzt wird beispielsweise auch auf der Strandpromenade von Tel Aviv. In Afikim kommen Woche für Woche Menschen aus der gesamten Gegend zum Tanzen zusammen. Tanzlehrer und DJ Dror Davidi studiert dann immer einen neuen Tanz mit der Gruppe ein. Binnen 15 Minuten füllt sich der Saal, und schon drehen sich 50 Menschen allein oder paarweise zur Musik im Kreis. Dror muss gar nicht viel tun, um die Stimmung anzuheizen, die Tänzerinnen und Tänzer scheinen sich wie im Glückstaumel zu bewegen.

Ich beherrsche die Schritte natürlich noch nicht, aber das lässt Dror nicht gelten. „Kadima, mach schnell!“, ruft er mir zu und fordert mich auf, ihm in die Mitte des Kreises zu folgen. Mir ist schon recht schnell ein wenig schwindelig, und es fällt mir im wahrsten Sinne des Wortes schwer, Schritt zu halten, doch Dror hat mich fest im Griff, und es gibt kein Entrinnen. Rikudei Am solltest Du also auf keinen Fall verpassen – keine Sorge, Anfänger sind willkommen. 

Einfach mal offline gehen: Wandern im Wadi 

Auf keinen Fall darfst Du die Road 90 fahren ohne im Westjordanland zu halten. Ein Stopp in Jericho ist natürlich toll, immerhin ist es die älteste Stadt der Welt und man kann wunderbar mit einer Seilbahn auf den Berg der Versuchung fahren, aber es lohnt sich auch hier in der Gegend einen Wandertag einzulegen. Auch wenn Wandern immer eine Art Spurensuche und noch dazu die älteste Reiseform der Welt ist, ließe sich nicht behaupten, dass es hier sehr verbreitet wäre.

Ein Wanderer im Westjordanland sorgt für verwunderte Gesichter. Dabei gibt es auch Leute, wie Tariq, die sogar geführte Wanderungen für Reisende anbieten. Ich empfehle die schöne Tour durch das Wadi Qelt nach Jericho. Der Startpunkt der Wanderung liegt im Wadi Qelt, eine Rundwandermöglichkeit gibt es nicht. Mit knapp 15 Kilometern ist die Strecke auch in der Sommerhitze gut zu bewältigen. Sie folgt einem römischen Aquädukt, es geht vorbei an kleinen Oasen und dem in den Fels gehauenen Georgskloster, das Du besichtigen kannst.

Drei Quellen sprudeln im Wadi: Ein Farah, Ein Fawwar und Ein Qelt. Einst bauten die Römer ein Aquädukt, um Jericho mit Wasser zu versorgen. Noch heute fließt es gluckernd hindurch, denn die antike Versorgungsleitung ist gut erhalten. Trinkbar ist es allerdings nicht. Ziel unserer Wanderung ist das kleine Hostel  „Auberg-Inn“.  Dort hatte Tariq der Köchin der Herberge unsere Ankunft avisiert, und so duftet es bereits nach Grillfleisch, Gemüse und allerlei Gewürzen. Eine große Tafel wurde für uns gedeckt, und in Windeseile stehen zig Schüsseln mit verschiedenen köstlichen Gerichten auf dem Tisch.

Tariq setzt sich strahlend zu uns, es gebe auch Bier, echt palästinensisches aus der Brauerei in Taybeh. Wir sagen nicht Nein, und er stößt mit uns an. Wie viele junge Palästinenser nimmt auch er es mit dem Alkoholverbot im Islam nicht so genau. Ein Bier, dagegen könne Allah nichts einzuwenden haben. Im „Auberg-Inn“ kannst Du nicht nur gut essen, sondern auch bequem übernachten oder sogar eine Weile dort wohnen und als Freiwilliger arbeiten: http://auberginn.ps/jericho

Wer rettet das Tote Meer? oder: Eine Bootstour mit Jaki 

Man muss kein begeisterter Fotograf sein, um am Toten Meer ein Postkartenmotiv nach dem anderen zu entdecken. Doch die Bilder von scheinbar unberührter Natur täuschen über ein großes Problem hinweg: Das Tote Meer stirbt. Mit jedem Jahr sinkt der Wasserspiegel weiter, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis das Gewässer ganz verschwinden wird. Schon jetzt ragen immer mehr Salzsäulen wie Pilze aus dem Wasser.

Um mehr über das Tote Meer zu erfahren, habe ich mich mit Jaki Ben Zaken verabredet. Er ist einer der wenigen am Toten Meer, die überhaupt ein Boot haben, denn es ist extrem aufwändig, dieses in Schuss zu halten. Der hohe Salzgehalt des Wassers greift alle Oberflächen an. Nach jeder Fahrt muss Jaki das Boot an Land ziehen und mehr als gründlich abspülen, sonst würden im Nu Löcher entstehen. Doch Jaki nimmt das in Kauf, denn das Tote Meer ist sein Leben. Immer wieder nimmt er Wissenschaftler, Politiker oder auch Touristen mit aufs Wasser, um ihnen die Schönheit und die Bedrohungslage näher zu bringen.

Wenn Du Jaki Ben Zaken persönlich kennenlernen willst, kannst du dich zu einer Boots- oder Kajaktour bei ihm oder seiner Frau Orit anmelden. Beide sprechen Englisch. Die Touren finden ganzjährig statt, im Sommer kann man schon ab 5 Uhr durch die morgendliche Stille gleiten. Weitere Informationen und Kontaktangaben finden sich auf dieser Website.

Kobra, Schildkröte und herabschauender Hund – Yoga in der Wüste 

Yoga in der Wüste in Israel

Einmal im Jahr, meist im späten Herbst, heißt es im Süden Israels ab in den Timna-Park, aber: immer mit der Ruhe. Dann treffen sich am Fuße der Salomonischen Säulen mehr als 1000 Yoga-Begeisterte. Es ist das größte Yoga-Festival der Welt. Manch einer reist dafür eigens aus Europa oder den USA an, die meisten Teilnehmer aber sind Israelis. Zwei oder drei Nächte verbringen sie hier, um zu meditieren und Yoga zu üben. Berühmte Yoga-Lehrer bieten hier ihre Workshops an. Wenn Du dabei sein möchtest, musst Du Dich früh anmelden.

Das Highlight des Yoga-Festivals ist die „Night of Unity“, die Nacht der Einheit. Ungefähr eine Stunde vor Sonnenuntergang rollen dann die Festival-Teilnehmer auf einer fußballfeldgroßen Plane, die den roten Wüstensand bedeckt, ihre Yogamatten aus. Davor ist eine Bühne aufgebaut. Scheinwerfer beleuchten sie, auch die Felsformation wird angestrahlt. Wer kann, hat seine Beine im Lotussitz übereinander gekreuzt, die Fußsohlen zeigen nach oben. 

Auf der Bühne steht der australische Yoga-Lehrer Simon Borg-Olivier. Er ist der Popstar unter den Yoga-Lehrern, tourt um die ganze Welt. Er trägt ein Headset mit Mikrofon, damit er sich frei bewegen kann. Um ihn herum tummeln sich weitere Yoga-Lehrer und Yoga-Lehrerinnen sowie Musiker mit Trommeln und ein DJ. Den Takt und die Yoga-Haltungen gibt Simon vor.

Er schnalzt mit der Zunge, wenn ein Wechsel angesagt ist, seine Bewegungen sind ziemlich schnell und kraftvoll, und seine Schüler versuchen zu folgen. Die Yoga-Session mit Simon scheint gar nicht enden zu wollen. Auch noch nach anderthalb Stunden bewegen sich 1000 Menschen im Rhythmus der Musik und nach Simons Anweisungen, sie tanzen sich geradezu in Trance. 

Detaillierte Informationen zu diesem ungewöhnlichen Yoga-Festival findest Du auf dieser Website: www.yogaarava.co.il. Übernachten kann man während des Festivals übrigens vor Ort. Es gibt Zelte, Wohnwagen und kleine Hütten, die extra für die Gäste aufgebaut werden. Wer das nicht möchte, findet eine Übernachtungsmöglichkeit in einem der Kibbuzim in der Nähe oder aber auch in einem Hotel in Eilat.

Kibbuz Ktora – wo Start Ups und Wunderpalmen zu Hause sind

Das Leben in der Wüste erfordert eine spezielle Geisteshaltung – die Geisteshaltung der Urväter Israels, wie die Einheimischen sagen. Wer hier reist, begegnet nicht gerade vielen Menschen, wer hier reist, muss die Stille mögen. Im Kibbuz Ktora, wo Du auch hervorragend übernachten kannst, sehen sich die Bewohner als Erben der Pioniere, mit einer besonderen Verantwortung für das Land.

Es war Staatsgründer David Ben-Gurion, der dazu aufgerufen hatte, die Wüste zu besiedeln und das Land urbar zu machen. Der Grundgedanke des Kibbuzlebens, ein kollektiv organisierter Alltag, ist in Ktora noch heute höchst lebendig. An der Rezeption empfängt uns Yuval Ben Hai. Er ist ein wenig in Eile, was sich im Kibbuz eigentlich selten beobachten lässt. Der Gemeinschaftsdienst ruft. „Ich muss in die Küche, Teller spülen und so. Hier sind die Schlüssel für eure Zimmer, kommt doch dann einfach in den Speisesaal.“

Der Speisesaal ist das Herzstück der Gemeinschaft, auch die Gäste dürfen hier essen. Er ist eine Mischung aus Kantine und Hotelrestaurant mit einem Buffet, jeder nimmt sich, was und wie viel er mag. Viele Kibbuzniks essen täglich hier und genießen es – meistens jedenfalls, erzählt mir Yonathan, ein älterer Kibbuznik, der mit seinen Nachbarn am Nebentisch sitzt: „Die Kunst besteht darin, das Sozialleben, das dir der Speisesaal bietet, loszukoppeln von dem Essen, das du vielleicht lieber essen würdest.“ 

Ktora ist tatsächlich einer der wenigen Kibbuzim, der noch streng ideologisch ausgerichtet ist. Es wird nicht nur gemeinsam gegessen, auch die Häuser gehören allen, und für die Gesundheitsversorgung kommt der Kibbuz ebenfalls auf. „Egal, ob du durch deine Arbeit einen Schekel oder eine Million erwirtschaftest: Alles geht in die Kasse des Kibbuz“, erklärt Yuval. „Und jeder erhält die gleiche Summe, das ist wie Taschengeld.“ Für ein Paar bedeutet das monatlich 3200 Schekel, umgerechnet etwas über 800 Euro. Davon müssen Kleidung und Elektrizität bezahlt werden. „Innen sind wir Sozialisten, und nach außen ist der Kibbuz ein kapitalistisches Unternehmen. Die Vorgabe ist, dass wir im Plus sind. Es gibt auch Manager, aber das letzte Wort hat die Generalversammlung“, erläutert Yuval. Sich ständig neu zu erfinden, um die Tradition zu bewahren – das ist das Credo von Ktora. Nur wirtschaftlicher Erfolg sichert das Überleben des 500-Einwohner-Kollektivs mitten in der Wüste. 

Neben der Dattelplantage des Kibbuz blitzen unter der brennend heißen Sonne Lichtreflexe von den Solarfeldern herüber. Ktora ist nämlich auch Israels Pionierbetrieb in Sachen Photovoltaik. Die Kibbuzniks decken mittlerweile nicht mehr nur ihren eigenen Strombedarf, sondern liefern auch Elektrizität in die rund 50 Kilometer entfernt liegende Küstenstadt Eilat.

Und dann gibt es noch diese Anlage aus Glasröhren, die übrigens aus Deutschland kommen und in denen Mikroalgen gezüchtet werden. „Algatech“ heißt die Firma. Sie besteht bereits seit über 20 Jahren. Er erklärt mir, dass die Mikroalgen, die hier im Kibbuz gezüchtet werden, in Nahrungsergänzungsmitteln und Kosmetika Verwendung finden. Algen lägen im Trend, und die kleine Kibbuzfirma exportiere sie in die ganze Welt.

Und dann ist da noch die Wunderpalme – Mitten im Kibbuz. 

 „Die Palme heißt auch nicht Wunderpalme“, korrigiert mich Elaine, die hier ein Kibbuz-Froschungszentrum leitet „sondern Methusalem.“ Aber jetzt mal von vorn: Vor über 15 Jahren entdeckten Archäologen zufällig am Toten Meer zwischen Masada und Qumran alte Samen von Dattelpalmen. Wie alt sie waren, konnten sie zunächst nicht sagen. Später stellte sich heraus, dass sie sehr alt waren, geradezu antik.

Ein Team von Wissenschaftlern um Elaine Solowey pflanzte diese Samen ein, in der Hoffnung, sie würden keimen. Und das taten sie tatsächlich! Im Jahr 2005 konnte das Team eine spektakuläre Nachricht verkünden: Aus dem Samen war eine Dattelpalme gewachsen, die sie Methusalem nannten.

Methusalem sollte schon bald Gesellschaft bekommen, denn Elaine Solowey und ihre Kollegen machten sich bei archäologischen Ausgrabungen rund um das Tote Meer auf die Suche nach weiteren Samen. Sie wurden fündig und nun haben sie also in Ktora neben Algen und Strom möglicherweise noch eine weitere Besonderheit im Angebot: „die Datteln, die Jesus aß“. 

Also unbedingt einen Stopp in Ktora einbauen – ins Rote Meer kannst du am Ende der Road 90 ganz im Süden dann immer noch springen. 

Über die Autorin

Nicola Albrecht

Nicola Albrecht (Jahrgang 1975) hat Komparatistik, Kunstgeschichte und Anglistik studiert und ihr Studium mit der Promotion abgeschlossen. 2001 kam sie als Trainee zum ZDF. Die Zuschauer lernten sie zunächst als Kriegs- und Krisenreporterin u. a. im Arabischen Frühling kennen.

Von 2011 bis 2014 berichtete sie als Korrespondentin aus Peking. Danach übernahm sie für sechs Jahre die Leitung des ZDF-Studios in Tel Aviv und berichtete über den Nahen Osten. Derzeit leitet sie das ZDF-Studio in Potsdam. Die Road 90 hat sie mehrfach bereist und einen Film darüber gedreht.

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