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Kanada Rundreise: Manitoba und Saskatchewan â eine Prise PrĂ€rie fĂŒr deinen Nordamerika-Trip
Indianer ist ein Wort, das in Kanada nicht ĂŒberall gern gehört wird. Warum? Weil es ein Produkt der Kolonialisierung ist und fĂŒr die UnterdrĂŒckung der indigenen Ureinwohner steht. Es könnte auch fĂŒr die DĂ€mlichkeit der EuropĂ€er stehen â immerhin dachte Kolumbus, er wĂ€re in Indien gelandet und nannte deshalb die Menschen, die er dort antraf, Indianer. Wer die „indianische“ Geschichte Kanadas kennt, weiĂ, warum das Wort niemand mehr mag. Wer sie noch nicht kennt, erfĂ€hrt in diesem Artikel mehr!


Es ist auffĂ€llig, wie sehr die Orts- und Provinznamen in Kanada von indigenen Sprachen geprĂ€gt sind. Namen wie Manitoba und Saskatchewan leiten sich daraus ab, genau so wie Ontario und sogar Kanada selbst. Es ist natĂŒrlich schön naiv, sich vorzustellen, dass das alles unbewohntes, herrenloses Land war, bevor die Briten und Franzosen es besiedelten. Dementsprechend finster ist das Kapitel der Kolonialisierungsgeschichte.
Wo? Im Museum fĂŒr Menschenrechte in Winnipeg. In Batoche, einem alten Dorf der MĂ©tis, heute eine National Historic Site mitten in Saskatchewan. In Wanuskewin, einer noch Ă€lteren Jagd- und VersammlungsstĂ€tte indigener StĂ€mme bei Saskatoon. Im Remai Modern, einem Kunstmuseum in Saskatoon. Im Riding Mountain National Park in Manitoba. Im Prince Albert National Park in Saskatchewan. Im Grunde genommen an allen Orten, die mit Natur, Kultur oder kanadischer Geschichte zu tun haben.

Du möchtest einen kurzen Abriss ĂŒber den indigenen Teil dieser Geschichte? Und einen Blick auf die heutige Spitze des Eisbergs? Dann lies gern den Abschnitt am Ende dieses Artikels. Ist aber keine leichte Kost. FĂŒr alle anderen sage ich es mal mit Tolstois Worten: Alle LĂ€nder ohne Dreck am Stecken sind einander Ă€hnlich. Jedes Land mit Dreck am Stecken hat auf seine eigene Weise Dreck am Stecken.
Es ist jedenfalls hochinteressant zu sehen, wie Kanada mit seiner dunklen Vergangenheit umgeht. Gerade wenn du aus Deutschland kommst, das historisch gesehen eine Menge Dreck am Stecken hat, ist die Perspektive des unbeteiligten Beobachters erhellend. Du wirst feststellen, dass die Kanadier relativ offensiv damit umgehen; und das nicht nur dort, wo Kultur, Natur oder Geschichte prĂ€sentiert werden. Ăberall gibt es GeschĂ€fte, Unternehmen, Restaurants, die ihr indigenes Erbe leben und stolz prĂ€sentieren. Zuletzt haben die Menschen in Manitoba sogar den ersten indigenen Premierminister einer kanadischen Provinz gewĂ€hlt â ein kleiner Meilenstein auf dem Weg in die richtige Richtung.


Noch mal zurĂŒck zum Begriff „Indianer“. Viele empfinden ihn als diskriminierend. Was sagt man jetzt stattdessen? Möglich wĂ€re zum Beispiel: Indigene Völker, Kanadische Ureinwohner, Natives oder Aboriginals. Oft wird auch von First Nations gesprochen, wobei nicht jeder kanadische Ureinwohner auch offiziell einer First Nation angehört. First Nations gibt es nĂ€mlich ĂŒber 600. Sie haben alle spezifische Namen wie Rolling River First Nation, Pine Creek First Nation oder Sandy Bay First Nation. Ich persönlich finde, „First Nations“ drĂŒckt die meiste WertschĂ€tzung dafĂŒr aus, dass diese Völker eben „zuerst“ da waren. Und du?

Wie so ein Versöhnungsprozess aussehen kann, erlebst du zum Beispiel an Orten, die von Parcs Canada gepflegt werden. Das ist die staatliche Organisation, die fĂŒr die kanadischen Nationalparks und nationale historische StĂ€tten zustĂ€ndig ist. Hier ist man (inzwischen) sehr bemĂŒht, die First Nations, auf deren Land die Parks sind, in alle Entscheidungen einzubinden. Aber auch in die Wissensvermittlung. Indigene Kultur zu erhalten und Geschichte zu vermitteln gehören hier mit zum Programm.
Wie sieht das konkret aus? Es fĂ€ngt an mit sogenannten âLand Acknowledgementsâ. Das sind kleine Zeremonien zu Beginn (zum Beispiel) einer FĂŒhrung. Hierbei wird verbal anerkannt, auf wessen Boden man sich hier eigentlich befindet. Als Geste der Freundschaft reicht man sich gegenseitig Tabak. Bei einem Smudging-Ritual reinigt man sich, seine Gedanken und seine Seele, bevor man (zum Beispiel) heiligen Boden betritt. Die AufklĂ€rung ĂŒber die Geschehnisse der Vergangenheit an sich gehört natĂŒrlich auch dazu. Genauso wie die Illustration dessen, was bis in die Gegenwart noch passiert. Man spielt indigene Spiele, sieht indigene TĂ€nze, hört indigene Geschichten, trifft angehörige der First Nations und hört, was sie selbst, ihre Eltern und GroĂeltern noch erlebt haben.

Interessant dabei ist, wie verbunden du dich dem Land und seiner Natur plötzlich fĂŒhlst. An solchen Orten, und in Gegenwart dieser Menschen und ihrer Geschichten. Das rĂŒhrt an etwas UrtĂŒmlichem, irgendwas, das Ă€lter ist als du und das dir sagt, dass du als Mensch eigentlich nicht fĂŒr die moderne Welt gemacht bist. DafĂŒr, den ganzen Tag in einem BĂŒrostuhl zu sitzen, in einer Stadt aus Metall und Beton. Dass du eigentlich drauĂen in der Natur und eins mit ihr sein solltest. Gemeinschaften gröĂer als ein Dorf? ElektrizitĂ€t? Flugzeuge, Autos, Autobahnen? TrĂ€gt alles nicht zum Menschsein bei. Zumindest waren das meine Gedanken. Vielleicht hast du andere â probier es aus!
Was wĂ€re Kanada ohne seine indigene Geschichte und Kultur? Namenlos zum Beispiel â immerhin ist „Kanada“ ein indigener Begriff. Trotzdem ist die Geschichte keine fröhliche. Was frĂŒher war und heute ist, das erlebst du am besten selbst â an diesen 8 Orten in Manitoba und Saskatchewan.
Ich war selbst nicht drin, aber alle die drin waren, waren tief beeindruckt. Nicht nur von der Architektur, sondern auch von der Art und Weise, wie hier Inhalte transportiert werden. Un-museumshaft und ohne erhobenen Zeigefinger. Wenn ich das nÀchste Mal in Winnipeg bin, will ich auf jeden Fall mal rein.
Zum Museum fĂŒr Menschenrechte

Ein tolles GebĂ€ude, das optisch an eine arktische Eislandschaft mit Eisbergen, Schneeverwehungen und Atemlöchern im Eis erinnert. Passend dazu gibt es hier eine groĂe Sammlung alter und neuer Inuit-Kunst. Man lernt viel ĂŒber die Kultur, die Mythologie, die Geschichten, die sich erzĂ€hlt wurden und werden.


Dieses gemĂŒtliche Bistro, gefĂŒhrt von Angehörigen der Peguis First Nation, bietet moderne Gerichte, die in der traditionellen KĂŒche der First Nations verwurzelt sind und die den Geist der indigenen Kultur zelebrieren. Wer mal Bison probieren oder den regional gefischten Zander essen möchte, ist hier an der richtigen Adresse. Es stehen natĂŒrlich auch vegetarische Sachen auf der Karte.


Der Riding Mountain National Park ist ein wahres Naturparadies mit WĂ€ldern, Seen, Wanderwegen und Wildleben vom Elch bis zum SchwarzbĂ€ren. Er hat auch eine unschöne Vergangenheit. Kurz nach der GrĂŒndung 1933 wurde die indigene Bevölkerung, die dort ursprĂŒnglich lebte, vertrieben und ihre Dörfer niedergebrannt. Heute kannst du dort aus erster Hand von Mitgliedern der First Nations ĂŒber diese Geschichte lernen. Zum Beispiel wĂ€hrend einer Bison-Safari im Morgennebel. Oder einem indigenen Picknick am Lake Katherine. Oder oder.
Zum Riding Mountain Nationalpark





Batoche ist eine alte Siedlung der MĂ©tis â eine Bevölkerungsgruppe, die aus Nachfahren europĂ€ischer PelzhĂ€ndler und der indigenen Bevölkerung besteht. Sie liegt auf einem weitlĂ€ufigen GelĂ€nde geprĂ€gt von Wiesen und HĂŒgeln, mit Blick auf den South Saskatchewan River, der sich hier in die Landschaft eingegraben hat. Hier fand 1885 eine bedeutende Schlacht statt, als die MĂ©tis sich weigerten, sich der kanadischen Regierung zu unterwerfen. Du kannst verschiedene original GebĂ€ude, eine Ausstellung und einen Friedhof besuchen. Empfehlenswert!





Das Remai Modern ist ein 2017 eröffnetes Kunstmuseum in Saskatoon. Neben der weltgröĂten Sammlung an Picasso-Linolschnitten und einiger Keramiken werden auch immer wieder indigene KĂŒnstlerInnen wie zum Beispiel Meryl McMaster (sehr bewegende Fotografien) gefeatured. Die Ausstellungen wechseln natĂŒrlich. Wenn du GlĂŒck hast, wird gerade nach indigener Tradition ein Kanu aus Birkenrinde gebaut. Der Eintritt ist ĂŒbrigens frei!


Wanuskewin („Suche nach Seelenfrieden“) ist ein besonderer Ort. Diese historische StĂ€tte liegt nördlich von Saskatoon an einem natĂŒrlichen Einschnitt in die Graslandschaft, geformt von einem Zufluss des nahegelegenen South Saskatchewan River. Ăber Jahrtausende trafen sich hier Angehörige verschiedener indigener StĂ€mme, machten mithilfe eines âBuffalo Jumpâ gemeinschaftliche Jagd auf ganze Bisonherden und ĂŒberwinterten im windgeschĂŒtzten Tal. Der Boden ist hier voll von archĂ€ologischen Artefakten.


Das allein wĂ€re schon ein Grund, das GelĂ€nde zum Weltkulturerbe zu machen. Derweil wachsen die umliegenden StĂ€dte weiter und drohen, den Ausblick auf die weite PrĂ€rie und damit den ursprĂŒnglichen Charakter dieses Ortes zu zerstören. Gut, dass es als UNESCO-ready auf der Liste steht. Beeilung wĂ€re aber gut. Im Besucherzentrum lernst du hautnah ĂŒber die indigene Geschichte Kanadas und der Region â in einer Ausstellung, bei VortrĂ€gen und VorfĂŒhrungen, bei Ritualen zum Mitmachen, im Dialog mit den indigenen Guides, aber auch auf kulinarischem Weg. PrĂ€dikat: besonders wertvoll und ein absolutes Must-see! Am besten einen ganzen Tag einplanen.


Normalerweise interessieren mich Hotels nicht so, aber das hier ist dann doch einen Kommentar wert. Das Dakota Dunes Resort ist ein indigen gefĂŒhrtes Hotel mit Casino auf dem Boden eines Reservats. Wie der Name schon andeutet, steht es inmitten einer schönen DĂŒnenlandschaft. Architektonisch erinnert es (von auĂen) an die Stangen, mit denen ein traditionelles Tipi aufgestellt wird, und im âGartenâ steht tatsĂ€chlich auch eins. Man kann hier allerhand kulturelle Erlebnisse buchen, vom Stockbrot am Lagerfeuer ĂŒber indigene Jagd- und Geschicklichkeitsspiele bis hin zu einer Show traditioneller TĂ€nze. Alles unter Anleitung sehr engagierter und talentierter indigener Mitarbeiter. Cool!

Was ist in Kanada passiert? Die Kurzform: Kolonialisierung. EuropĂ€er kommen, erst tun sie freundlich, dann beanspruchen sie das Land fĂŒr sich. Die Ureinwohner wehren sich, die EuropĂ€er vernichten ihre Lebensgrundlage (das Bison). So zwingen sie sie defacto, VertrĂ€ge zu unterschreiben, mit denen sie ihr Land abtreten. EuropĂ€er vertreiben First Nations von ihrem Land und stecken sie in Reservate auf unbrauchbarem Boden. Bis in die 1960er (!) waren das im Prinzip GefĂ€ngnisse, die die Menschen nicht ohne Erlaubnis verlassen durften.
Indigene Kinder steckten sie in katholische Internate zur Missionierung. Zu oft endete diese Missionierung in MassengrĂ€bern. Bis in die 1990er (!) nahm man indigene Kinder ihren Familien weg und gab sie unter dem Deckmantel des âRettensâ zur Adoption frei. Bis in die Gegenwart werden indigene Frauen gegen ihren Willen und ohne ihr Wissen sterilisiert. Nennen wir es ruhig systematischen Genozid. Ja, es gibt viele, die die europĂ€ische Kultur und Lebensart angenommen haben. Aber es gibt auch wahnsinnig viele entwurzelte Menschen. Menschen, denen ihre IdentitĂ€t abtrainiert wurde. Die teils auf der StraĂe leben, oder in preisgĂŒnstig von der Regierung zusammengetackerten HĂ€usern in Reservaten. Oft alkoholabhĂ€ngig.
Und dann mĂŒssen sie sich noch anhören, sie seien Nichtsnutze und lĂ€gen dem Staat auf der Tasche. Ja, die eingangs erwĂ€hnten VertrĂ€ge gelten noch immer, Indigene haben noch immer gewisse Sonderrechte wie die Jagd, in Reservaten gelten eigene Gesetze und jeder Angehörige einer First Nation bekommt noch immer 5 Dollar pro Jahr vom Staat. Um 1870 konnte man sich vermutlich ein Jahr lang davon ernĂ€hren. So war es schlieĂlich gedacht â leider ist keiner der HĂ€uptlinge damals darauf gekommen, einen Inflationsausgleich vertraglich festzuhalten. Die Leute wurden einfach nach Strich und Faden verarscht. Das ist nur ein kleiner subjektiver und unprĂ€ziser Eindruck aus drei Wochen Kanada, also nagelt mich nicht auf Details fest, aber holy shit.
WeiĂt du noch andere Orte fĂŒr indigene Geschichte & Kultur? Gern in die Kommentare damit!
Kanada Rundreise: Manitoba und Saskatchewan â eine Prise PrĂ€rie fĂŒr deinen Nordamerika-Trip
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1 Kommentar
Das Wort indianer gab es nie in Kanada. Man nannte die natives genauso wie die Menschen aus Indien. Indians. Die black feet indians, die ich traf hatten nichts gegen das Wort indianer. Sie nennen uns ja auch germans und nicht deutsche.
Also vielleicht etwas runterfahren?
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